„Ick bin ein Berliner“ – und meine Brezel leider auch
4,90 Euro für Gummi und Brösel. Ein kleiner Rekonstruktionsversuch
An einem deutschen Flughafen kann man im Prinzip keine Kulinarik erwarten. Das würde, glaube ich, jeder unterschreiben. Vermutlich gilt das besonders für den BER. Aber was denken sich eigentlich Leute, die eine Brezel für 4,90 Euro anbieten, die schon morgens um kurz nach sieben innen gummiartig und außen so trocken und bröselig ist, dass man Gefahr läuft, sich beim Verzehr eine Staublunge zuzuziehen? Um 7 Uhr sind die Brezn auf dem Münchener Flughafen innen saftig und außen krachig-knusprig – habe ich selber oft genug erlebt. Aber das hier ist eine Zumutung für fast 5 Euro, was etwa dem Gegenwert eines Stammessens vor 20 Jahren entspricht.
Dass der Verkaufsstand eines bekannten hauptstädtischen Brauhauses dann auch noch anbiedernd „Ick bin ein Berliner“ heißt, macht sein bröseliges Produkt, das wahrscheinlich das indirekte Ergebnis des zwölften Kostensenkungsprogramms des Herstellers ist, zu einer kleinen Bösartigkeit. Und das „Gib’s mir!“ (hö hö!) auf der Box für die Besteckrückgabe kommentiert sich in diesem Zusammenhang von selbst.
Wie so eine Brezel zustande kommt, lässt sich mit ein bisschen Fantasie ziemlich zuverlässig rekonstruieren. Man nimmt das billigste Mehl, das gerade noch den Namen „Weizen“ verdient, streckt es großzügig mit Füllstoffen, die den Teig billiger machen und ihn gleichzeitig so stabilisieren, dass er für einige Stunden noch irgendwie die Form hält. Hefe kommt nur in homöopathischer Dosierung zum Einsatz – gerade genug, dass sich die Masse ein bisschen bewegt, aber nicht so viel, dass sie aufgeht und damit Energie und Zeit frisst.
Ruhezeiten? Die sind zu teuer. Also wird der Teig kurz geknetet, in Form gepresst und dann möglichst schnell in einen Ofen geschoben, der auf die niedrigste Stufe gestellt ist, die nur mit viel Wohlwollen „backen“ genannt werden kann.
Die Lauge spart man sich natürlich weitgehend oder ersetzt sie durch eine billige Natronlösung, die nur noch so tut, als würde sie die Kruste versiegeln. Der Ofen selbst arbeitet auf Sparflamme: kurze Zeit, wenig Hitze, wenig Dampf. Das Ergebnis ist vorhersehbar.
Außen trocknet die Oberfläche schnell aus und wird bröselig, innen bleibt der Teig dicht und gummiartig, weil ihm die Hitze gefehlt hat, die das Innere hätte aufgehen lassen und die Feuchtigkeit hätte halten lassen. Fertig ist die „Brezel“, zu Herstellungskosten von maximal 4–6 Cent. Deshalb fühlt sich das Ding schon um halb acht morgens im Mund an, als hätte es zuvor 48 Stunden im Kühlregal eines Discounters verbracht.
Ob man eine Verzweiflung erzeugen will, die einen schon frühmorgens gleich noch ein kleines Bier für „nur“ 6,10 Euro dazu bestellen lässt, damit man das Machwerk eines Controllers und eines Back-Roboters runterkriegt? Nein, Kulinarik kann man an Orten wie deutschen Flughäfen nicht erwarten. Und dass es an einem deutschen Airport keine Schnäppchen gibt, weiß man auch. Geschenkt. Aber komplett minderwertiges Zeug zu absurden Feinkostpreisen, das ist schlichtweg eine Unverschämtheit. À bientôt!
p.s..: Die Herstellungskosten einer richtig guten Brezel würden bei ca. 15 Cent liegen. Der Verkaufspreis wäre dann immer noch das 32-Fache des Produktionsaufwands.