Digestiv statt Download
Über QR-Codes, mitleidige „Boomer!“-Blicke und die stille Schönheit einer gedruckten Speisekarte
Kennt Ihr das? Man freut sich auf einen schönen, entspannten Abend im Restaurant, wird zu seinem Tisch geführt und nimmt vorfreudig Platz. Ja, Mineralwasser, bitte naturell. Und dann siehst du es: In der Mitte des Tisches steht ein Pappschild mit einem QR-Code statt der klassischen Speise- oder Weinkarte. Man wird also gezwungen, das Handy herauszuholen, den Code einzuscannen und sich dann durch das digitale kulinarische Menu zu scrollen.
Also erstmal: Ich bin nicht gegen Fortschritt. Und ja, jetzt kommt das Aber: Der Fortschritt muss auch tatsächlich ein Fortschritt sein. Letztens habe ich von einer üppig tätowierten Kellnerin mitleidige Blicke für mich, den bedauernswerten Boomer, bekommen, weil ich trotzdem nach einer gedruckten Karte auf Papier gefragt hatte. Die seien gar nicht mehr vorhanden, sagte sie. Die gleiche Kellnerin musste dann fünf Minuten später augenrollend einräumen, dass an meinem Tisch kein Funknetz verfügbar sei. Sie verschwand eine Weile und kam mit dem Chef zurück. Der holte den Oberkellner. Zu dritt standen sie um meinen Tisch und versuchten, auf meinem Handy ihr WLAN einzurichten, damit ich mir etwas zu essen aussuchen konnte. Am Ende gaben sie mir eine gedruckte Speisekarte und eine Weinkarte, die wohl doch noch irgendwo rumlagen.
Frau Knauber reagiert inzwischen allergisch auf diese kleinen Kärtchen. Wenn wir durch eine Stadt schlendern, auf der Suche nach einem spontanen Restaurantbesuch, und ich bereits auf ein Lokal zusteuere, höre ich von ihr schon mal ein entschiedenes „Nein, die haben die Kärtchen mit den blöden QR-Codes!“. Dann gehen wir weiter.
Es mag gute Gründe geben für diese QR-Code-Manie, aber sie erschließen sich mir nicht. Ich mag es auch nicht, wenn mir in einem Sternerestaurant jemand statt einer Weinkarte ein iPad in die Hand drückt. Ja, man kann leichter das Angebot aktualisieren, wenn ein Gericht dazu kommt oder ein Wein nicht mehr am Lager ist. Aber mal ehrlich: Ist die Schiefertafel mit den Tagesgerichten oder ein kleiner Stempel mit dem Wort „Ausgetrunken“ für die Weinkarte nicht genauso praktisch, dafür aber viel schöner? Und können Speisekarten nicht sogar kleine Kunstwerke sein, die viel über die Philosophie eines Restaurants verraten? Und warum sollen wir nach den langen Bildschirmstunden bei der Arbeit jetzt auch noch im Restaurant an unseren Tischen alle scrollen, zoomen und reloaden, statt uns entspannt zu unterhalten? Und kommt mir jetzt bitte nicht mit der Umwelt. Der Druck einer Speisekarte kann nicht umweltschädlicher sein als der Stromverbrauch bei einem Provider, der in seinem Rechenzentrum mit viel Abwärme und Platzverbrauch den QR-Code betreut. Und was kommt als Nächstes? Bestellung nur per App und nicht bei einem Kellner? Das Dessert nicht auf dem Teller, sondern als NFT in die Wallet zum Ausdrucken zu Hause? Stühle mit Sitzzeit-Tracking und Zuschlag, wenn man das 45-Minuten-Zeitfenster überschreitet? Ja, ich mag konservativ sein. Aber ich warte im Restaurant nun mal lieber auf den Digestif als auf einen Download. À bientôt!
p.s.: Wer Speisekarten so liebt wie ich, dem sei als Zeitreise das großartige Buch „Menu Design in Europe“ aus dem Taschen Verlag empfohlen, das hier auch irgendwann vorgestellt werden wird.