Saar-Riesling-Sommer: Ein Tal, viele Gläser, alte Freunde
Von Serrig bis Kanzem unterwegs bei Würtzberg, Geltz-Zilliken, Van Volxem und von Othegraven
Frau Knauber ist nicht so versessen auf Riesling wie ich. Also erlebe ich den Saar-Riesling-Sommer dieses Jahr nicht mit ihr, sondern mit meinem alten Freund Dirk. „Bestell bitte nicht so viel Wein in deiner Begeisterung!“, ruft mir Frau Knauber lachend nach. Schon der Saarlouiser Bahnhof ist entspannter als sonst. Am Gleis Richtung Trier stehen an diesem Sonntag kurz vor 11 auffällig viele gut gelaunte Leute ab 30 aufwärts, die heute nur eines im Sinn haben: Riesling! Der Zug setzt sich in Bewegung. Kurz hinter Mettlach kommen die ersten Weinberge.
Der Riesling wird uns heute viele Geschichten erzählen. Über steile Hänge, über die Arbeit von Familien über Generationen, visionäre Unternehmer, über die Launen der Natur und diesen Fluss in seinem mal steilen, mal sanft ausladenden Tal, das schon seit den Römern Reben gesehen hat. Dirk, bereits seit Saarbrücken im Zug, lächelt erwartungsfroh, als wir um 11.30 Uhr in Serrig aussteigen.
Der Saar-Riesling-Sommer ist eine so schöne Idee, dass man ihn erfinden müsste, gäbe es ihn nicht. Gut 15 Kilometer liegen zwischen Serrig und Kanzem, dazwischen einige der besten Rieslinglagen der Welt. Und jede Menge Winzer, die aus dieser Edelrebe mit ihrer markanten Säure von knochentrocken bis zuckersüß alle Facetten des Geschmacks herausholen. Am letzten Augustwochenende kann man von mittags bis zum frühen Abend mit Pendelbussen zu ausgewählten Weingütern fahren – und sich an einem oder auch zwei Tagen die Spannweite dieses legendären Tals ins Glas holen.
Würtzberg, Serrig – 11.45 Uhr
Der Würtzberg ist eines der schönsten Güter an der Saar und das erste, wenn man aus dem Saarland anreist. Herzliche Leute, Top-Weine für jeden Geldbeutel. Die Sonne hat schon etwas Herbstliches, die ersten Gäste unterhalten sich fröhlich an den Tischen im Schlosshof. Schön, die Würtzberger Wein-Kollektion von 2025 wieder vollständig zu erleben, nachdem der Frost 2024 einen beträchtlichen Teil des Jahrgangs vernichtet hatte. Zu Gast ist hier heute Markus Molitor, ein ganz großer Name an Mosel und Saar. Wir haben uns vorher geeinigt, uns bei den Proben auf trockene Basisweine und die Feinherben zwischen 10 und 30 Euro zu konzentrieren. Mein erstes Highlight: Molitors 2025er Ürziger Würzgarten, feinherb, grüne Kapsel. Ja, Mosel, nicht Saar. Trotzdem: reifes Steinobst, zarte Zitrusnote, ein Aromenmix, der sofort da ist. Dirk, der eher das Trockene sucht, war vom Rotschiefer der Würtzberger und von Molitors „Alte Reben Saar“ besonders angetan. Schon bei dieser ersten Station bestätigt sich, was vorab zu lesen war: 2025 ist ein sehr eleganter, klarer und starker Jahrgang geworden. Spaß im Glas!
Geltz Zilliken, Saarburg – 12.40 Uhr
Ein bisschen aufgeregt bin ich schon. Die Weine kenne ich seit Jahrzehnten, das Gut betrete ich zum ersten Mal. Geltz Zilliken ist eine zeitlose Riesling-Ikone. Seit Generationen unverwechselbarer Stil, ihre feinherbe Philosophie haben sie glücklicherweise stur auch in Zeiten durchgezogen, in denen ausschließlich trocken getrunken wurde. Die Probe: Ein Wein ist hier besser als der andere, hängen bleibe ich beim 2025er Saarburg feinherb – saftig, klar, grandios – und noch einmal übertroffen vom Rausch Diabas feinherb. Davon würde man sich gerne ein paar Flaschen unter den Arm klemmen. Aber wir wollen weiter. Vorher noch die Terrasse: Gast-Weingut Metzger aus der Pfalz überrascht mit einem 2024er Grenache & Syrah Rosé. Gegen 13.30 Uhr gehen wir zum Bus. „Zweite Station“, sagt Dirk, „und ich habe bisher noch keinen Wein getrunken, der mir nicht geschmeckt hat.“ Ich beschließe, bald mit etwas mehr Zeit wiederzukommen, denn ich habe irgendwie das Gefühl, hier nur an der Oberfläche gekratzt zu haben.
Van Volxem, Wiltingen – 13.50 Uhr
Van Volxem ist kein Weingut, sondern ein Erlebnis. Wie ein Raumschiff, das auf dem Wiltinger Schlossberg hoch über der Saar gelandet ist. Ein Ort für alle, die die Saar schmecken, sehen und spüren wollen. Unter der charismatischen Leitung von Roman Niewodniczanski hat das Gut in den letzten 20 Jahren erheblich dazu beigetragen, den damals vielleicht etwas angestaubt wirkenden Saar-Riesling aus dem Dornröschenschlaf zu holen. Auch ich und ein paar enge Freunde sind über Van Volxem vor gut 20 Jahren zum Riesling gekommen – erstaunlicherweise, denn ich lebte damals in Berlin. Die neue Qualität der Saar erreichte bald auch die Regale und Weinkarten der Hauptstadt. Die ersten einfachen Saar-Rieslinge und die Alten Reben waren tendenziell feinherb ausgebaut; später schwenkte das Haus deutlich stärker auf trocken um.
Im Keller geht es rund, dazu Gäste aus der Pfalz: Weingut am Nil und Bassermann-Jordan. Um uns herum Gespräche auf Deutsch, Luxemburgisch, Englisch, Französisch, Japanisch. Riesling hat eine globale Anhängerschaft. Ich werde bei der Probe zum Fan des Ockfeners und des klassischen Alte-Reben-Gutsweins, Dirk des Saar Riesling Réserve. Interessantester Wein der Gäste: Saumagen Riesling vom Weingut am Nil. Pfälzisch-würzig, dabei tolle Frische und sehr bezahlbar. Bemerkenswert, wie deutlich sich Saar und Pfalz unterscheiden: Schiefer gegen Sandstein, Höhenlage der Weinberge, Tradition.
Mittagspause. Zum kleinen Imbiss ein Glas Rotschiefer, der zur Quiche fast unverschämt gut passt. Gerne würden wir bleiben und den Blick ins Tal schweifen lassen. Aber Kanzem wartet.
von Othegraven, Kanzem – 15.30 Uhr
Der Bus hält neben der Bahnstrecke. Die 150 Meter zum Gutshaus laufen wir. Günther Jauch hat das Haus am Fuß des Altenbergs liebevoll hergerichtet; dass hier vor zwei Jahren ein schlimmes Hochwasser war, ist nirgends mehr zu sehen. Im Park unter altem Baumbestand stehen Biergarnituren. Sonntagnachmittag, entspannt. Dirk und ich beschließen: Hier endet unser Riesling-Sommer. Ein guter Entschluss. Hier bleibt man gerne noch mit einer Flasche sitzen.
Die große Überraschung ist nicht Jauch, der tatsächlich durch den Park läuft. Die Überraschung ist ein Ehepaar aus unserem Abiturjahrgang, das wir seit Jahrzehnten nicht gesehen haben. Ende der 80er waren wir ziemlich gut befreundet. Sigrid hat mir zur Rettung des Abiturs Mathe-Nachhilfe gegeben. Dann verlor man sich aus den Augen: kein Social Media, kein Handy, kein WhatsApp. Jetzt gibt es viel Gesprächsstoff, quasi von der Abi-Feier bis zum ersten Enkel. Und viel Gelächter über alte Klassenfotos. Gefeiert wird das mit einem sommerlichen Spätburgunder Rosé: spritzige Frucht, nur 11,5 Prozent, der Gaumen ist bereit für die Rieslinge des Hauses.
Bei dieser letzten Probe haben Dirk und ich zum ersten Mal auf Anhieb denselben Favoriten: den 2025er Bockstein Riesling Kabinett. Apfel und reifer Pfirsich treffen sich balanciert mit delikater Säure und eindrucksvoller Mineralität, Bockstein at its best! Einige Flaschen werden bald zu Hause ankommen. Ja, auch von anderen Weinen des Tages. Frau Knauber kennt das. Sie versteht das. Vermutlich. Zumindest bis zur dritten Lieferung.
18.14 Uhr, im Zug nach Hause
Pünktlich geht es los in Kanzem. Als der Zug anfährt, ist das der Schlusspunkt eines dieser Tage, von denen man möchte, dass sie nicht enden. Im Abteil wieder ein paar der fröhlichen Leute vom Morgen in Saarlouis. Manche haben ihr Glas mitgenommen. Die einen schnattern, die anderen lassen die Weinberge in der Abendsonne vorbeiziehen. Ich schaue auch aus dem Fenster und lächle. Großartige Weine, ja. Erinnern werde ich mich an diesen Tag aber vor allem, weil wir besonders liebe alte Freunde wiedergefunden haben. Der Riesling macht eben auch so etwas möglich. Was für ein Wein. Und was für ein Tag. Santé!
p.s.: Der Saar-Riesling-Sommer findet sicher auch 2027, traditionell am letzten Augustwochenende, statt. Wer nicht an beiden Tagen unterwegs sein möchte, nimmt den Sonntag. Der ist relaxter und es ist nicht so voll.
Aufmacherbild: Dirk Guldner

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Angekommen in Kanzem. Foto: Dirk Guldner

Sonntagsvergnügen: Ein leichter Rosé im Park von Othegraven