Mittwochswein: Die Rosé-Revolution – Tradition und junge Wilde
Mittwochsweine: Guigal Tavel 2024 und Schnaitmann Muskattrollinger Rosé „Steinwege“ 2025
Rosé war lange der unscheinbare Dritte im Bunde – neben Rot und Weiß immer ein bisschen im Schatten, der leichte Sommergast, den man nur bei schönem Wetter einlud. Das hat sich in den letzten Jahren gründlich geändert. Heute steht er mitten im Rampenlicht, und die Zahlen untermauern das eindrucksvoll.
Weltweit macht Rosé inzwischen rund zehn Prozent des gesamten Weinkonsums aus. Während der Weinmarkt insgesamt zuletzt schrumpfte, konnte die Kategorie den Absatz seit mehreren Jahren halten und in einigen Marktsegmenten teilweise sogar ausbauen – deutlich dynamischer als der Rest der Stillweine. Frankreich treibt das Ganze an: Es liefert ein Drittel der Weltproduktion, führt bei den Exporten wertmäßig und bleibt der größte Konsument. In der Provence, dem Epizentrum, sind die Rosé-Exporte in den letzten Jahren wertmäßig deutlich gestiegen. Heute geht bereits über ein Drittel der Verkäufe ins Ausland – vor zehn Jahren war es noch ein Bruchteil davon. Und Deutschland? Drittgrößter Rosé-Markt der Welt.
Zu jedem Megatrend gibt es immer ein paar Vorläufer, die es vor allen anderen verstanden haben. Domaine Ott in der Provence: Die haben schon vor Jahrzehnten High-End-Rosés gemacht, die man mit Respekt trank. Und Tavel an der südlichen Rhône – die einzige Appellation, die ausschließlich Rosé hervorbringt, und zwar nicht den leichten Terrassenwein, sondern etwas mit Substanz, mit Gerbstoff, mit Charakter. Es waren nur wenige, die schon immer gezeigt haben, dass Rosa mehr sein kann als nur „nett zum Grillfleisch“.
Dann kamen die Neuen. Miraval – ja, der von Brad und Angelina – hat dem Ganzen den Hollywood-Glamour verpasst und plötzlich wollten alle diesen blassen, eleganten Provence-Rosé haben. Und Triennes, das Projekt von Jacques Seysses (Dujac) und Aubert de Villaine (Romanée-Conti) im Var. Hier trifft burgundische Präzision auf mediterranes Klima. Plötzlich war klar: Rosé kann Weltklasse sein, ohne sich zu verbiegen.
Und das Schönste: Es bleibt nicht bei der Provence und der Rhône. Überall dort, wo man eigentlich gar keinen Rosé „muss“, entstehen plötzlich interessante Flaschen. Auch bei uns. In der Pfalz, am Kaiserstuhl, in Württemberg, sogar an Saar und Mosel. Die machen nicht einfach nur mit, sondern bringen ihren eigenen Sound ins Spiel: mehr Säure hier, mehr Würze dort und manchmal eine kühle Mineralität, die man im Süden so nicht findet. Das ist kein Mitläufertum, sondern echte Neugier und spiegelt den Welttrend im Lokalen wider.
Weil gerade noch Sommer ist und weil kein Wein so gut zum Sommer passt wie Rosé, genau deshalb gibt es heute gleich zwei Mittwochsweine. Wir starten mit einem Klassiker aus der alten Garde, der trotzdem absolut zeitgemäß schmeckt: der Tavel aus dem Hause Guigal. Tiefdunkles Kirschrosa im Glas, Nase nach Himbeere, Erdbeere, ein Hauch Hagebutte und ein bisschen Pfeffer. Am Gaumen saftig, strukturiert, mit einer feinen karamelligen Gerbstoffnote, die ihn richtig standfest macht. Kein leichter Sommerflirt, sondern ein Rosé, der auch zu etwas Deftigerem passt – oder einfach so, an einem ganz normalen Mittwoch, wenn man sich ein bisschen mehr gönnen will. Die Weinmacher von Guigal in Ampuis können wirklich was und sind eine sichere Bank auf jeder guten Weinkarte.
Der zweite Mittwochswein ist ein Fundstück, das mir letztens bei meinem Weinhändler kenntnisreich empfohlen wurde. Er steht für die wachsende Gruppe moderner deutscher Roséweine, kommt aber nicht wie so oft bei uns aus dem Spätburgunder, sondern ist ein 2025er Muskattrollinger von Schnaitmann. Dieser Tropfen mit dem Namen „Steinwege“ hat schlanke 11 Prozent und bringt im Aroma neben der feinen Würze einen zarten Anklang von Blutorangen und Grapefruit mit. Eisgekühlt als Apéro in jeder Runde eine große Überraschung, zumal normalerweise eigentlich nur die Württemberger ihren Trollinger mögen.
Beide Weine sind um 11–12 Euro im Handel und damit genau auf dem Preis-Leistungs-Niveau der Mittwochsweine, nach dem Weinfreunde immer suchen.
Den Tavel hat Frau Knauber gestern Abend probiert, das Glas hochgehalten, genickt und gefragt: „Duuuhuu? Wie viel haben wir davon?“ Mehr muss man dazu eigentlich nicht sagen. Santé!

Die Top-Rosés findet man inzwischen sogar im Supermarkt in der obersten Reihe

Rosé schmeckt mir nicht nur auf der Terrasse, aber auch.